36 Jahre blau-weißes Herzblut: Danke, Wolfgang Leidig !

Beim VfB Wissen endet eine Ära: Wolfgang Leidig wird nach mittlerweile 36 Jahren als Spieler, Spielertrainer, Trainer, Co-Trainer, Jugendtrainer oder Betreuer in der kommenden Saison nicht mehr in verantwortlicher Position auf oder neben dem Platz stehen. Im Sommer 1990 kam er ins Dr.Grosse-Siegstadion, und längst ist er in unserem Verein zum festen Inventar geworden. Am Anfang waren es seine Qualitäten als Goalgetter, doch im Laufe der Jahre flogen Wolfgang die Sympathien aller wegen seiner positiven Einstellung und seiner liebenswerten Art zu. Es dürfte unmöglich sein, einen VfBer zu finden, der ihn nicht mag. Genauso unmöglich ist es, sich den Verein ohne Wolfgang vorzustellen – und wie das Ende des nachstehenden Interviews zeigt, müssen wir das gottseidank auch künftig nicht.Augen zu und durch (1991): Der vorbildliche Einsatz zeichnete Wolfgang Leidig immer aus. 

Wolfgang, alle kennen Dich als VfB-Urgestein, aber begonnen hat es woanders …

Ich habe beim TuS Honigsessen mit dem Kicken angefangen, die ganzen Jugendmannschaften durchlaufen und bin schon als A-Jugendlicher in den Seniorenbereich aufgerückt. Trainer war damals Jürgen Wiesemann, der dann zur SG Fensdorf / Selbach wechselte und mich unbedingt mitnehmen wollte. Deshalb habe ich im ersten Seniorenjahr schon in Fensdorf gespielt.

Das hat sich sportlich ja auch ausgezahlt.

Stimmt. Ich habe in Fensdorf die glorreichen Zeiten erlebt und die Aufstiege bis in die Landesliga mitgemacht. Vor allen Dingen mit Trainer Theo Brenner haben wir alle zusammen viele schöne Stunden gehabt. In meiner letzten Saison wurde der Verein dann wegen der Nichterfüllung des Schiedsrichtersolls zum Zwangsabstieg verurteilt, obwohl der Fensdorfer Hauptsponsor sogar den damals sehr bekannten Anwalt Reinhard Rauball aufgeboten hatte.

Wie kam es dann zum Wechsel nach Wissen ?

Mit dem damaligen VfB-Trainer Günter Oettgen hatte ich vorher schon Kontakt gehabt. Als dann 1990 die konkrete Anfrage vom VfB kam, hat mich schon der Ehrgeiz gepackt, mich dort der starken Konkurrenz zu stellen und es in einer höheren Klasse zu versuchen. Ich kannte ja auch viele der Wissener Spieler, die mich immer wieder angesprochen haben. Ich war damals Mitte 20 und mein Gedanke war: „Wenn du es jetzt nicht probierst, dann machst du es nie.“Torgefahr mit dem Fuß und per Kopf: Abschlußszenen aus dem Oberliga-Heimspiel gegen den SV Geinsheim am 22.8.1992.Und daraus sind bisher 36 Jahre geworden …

Es gab ja auch schwierige Phasen, aber mich hat der Verein immer begeistert. Es wurde immer viel getan – sportlich und auch drum herum. Wir hatten immer gute Trainerteams im Jugendbereich, gute Vorstandsarbeit und natürlich auch sportliche Perspektiven. Sowohl als Fußballer als auch als Trainer waren das schöne Jahre, deshalb hat es mich nie weggezogen. Ich hatte meistens das Gefühl, auf der Sonnenseite des Fußballs zu sein.

Dabei kommt Dir die Ehre zu, im Mai 1995 das letzte Regionalliga-Tor des VfB Wissen geschossen zu haben.

Für einen echten Stürmer ist jedes Tor schön – ganz egal in welcher Klasse. Das Regionalliga-Tor war beim Auswärtsspiel in Wuppertal, aber so genau kann ich mich gar nicht mehr an die Szene erinnern.

Freude über den Aufstieg in die Regionalliga im Mai 1994. Wolfgang zwischen Maik Rumpel und Steffen Herms als Siebter von rechts.

Was ist denn stärker in Erinnerung geblieben ?

Eine ganze Menge, denn die Jahre auf dem Platz waren eine wunderschöne Zeit. Alleine die Touren zu den Auswärtsspielen im Lexus von Willi Klein waren legendär. Es sind auch viele tolle Freundschaften entstanden, die bis heute halten. Genau das habe ich später auch als Trainer versucht, den jungen Spielern zu vermitteln, wenn auch nicht immer mit Erfolg.

Was waren die Highlights in Deiner langen Karriere ?

Das waren immer die Aufstiege, ganz gleich ob mit der Jugend, ob von der Kreislia A in die Bezirksliga oder wie 1994 aus der Oberliga in die Regionalliga. Ein Aufstieg ist immer das größte Glücksgefühl und die höchste Belohnung für die eigenen Anstrengungen.

Und wer war der beste Spieler, mit dem Du selbst zusammengespielt hast ?

Eindeutig Henry Acquah, der war auf dem Platz beeindruckend. Aber insgesamt war die Qualität in der Breite damals überragend, wenn ich nur an Leute wie Scott Burnside, Steffen Herms oder Waldemar Matysik und all die anderen denke.

Mit dem starken linken Fuß abgezogen: Szene aus dem Oberliga-Heimspiel des VfB Wissen gegen den SV Mettlach im August 1993. Im Hintergrund Sturmkollege Henry Acquah.

Was hat sich im Laufe der dreieinhalb Jahrzehnte verändert ?

Die Strukturen haben sich mit der Zeit komplett gewandelt. Es gibt viel weniger aktive Fußballer, und die haben andere Ansprüche und gehen auch anders miteinander um. Die Einstellung zum Sport ist anders geworden. Das Klagen über die Platzverhältnisse war zum Beispiel zu meiner aktiven Zeit weniger üblich.

Man hört heraus, dass Dir nicht alle dieser Entwicklungen gefallen …

Das stimmt. Ich habe in den letzten Jahren häufiger gedacht: „Du hast es anders gelernt.“ Das Anforderungsprofil für mich selbst waren immer 100%, und ich bin immer davon ausgegangen, dass das auch für alle gilt – sowohl in Sachen Trainingsbeteiligung als auch beim Zusammenhalt und dem persönlichen Engagement im Spiel. Mein Eindruck ist aber, dass da was verloren gegangen ist. Es fällt mir zunehmend schwerer, das zu akzeptieren.Wieder Oberliga (Saison 1995/96), aber diesmal in der Abwehr: VfB Wissen – Sportfreunde Eisbachtal 1:1. Rechts Michael Herzog.

Wie kam es zu Deiner Trainerkarriere ?

Parallel zu meiner aktiven Zeit als Spieler hatte ich ja den Trainer-B-Schein gemacht und schon 1994 / 95 im Bambini-Bereich angefangen. Ich durfte viele Spieler bis zur A-Jugend begleiten, auch etliche aus dem aktuellen Kader der beiden VfB-Mannschaften. Es ist schön, den Weg der Jungs so lange mitgehen zu können.

Du hast 1999 die 1.Mannschaft als Trainer übernommen und bist gleich im ersten Jahr um ein Haar in die Rheinlandliga aufgestiegen.

Wir hatten eine starke Truppe in der Landesliga. Ich muss immer wieder an den vergebenen Elfmeter von Viktor Köhn in der letzten Minute beim Entscheidungsspiel in Engers denken. Hätte er getroffen, wären wir aufgestiegen, stattdessen ging Engers hoch. Die Szene liegt bis heute wie ein Stein im Herz. Aber wer Viktor kennt, weiß, dass er die Ecken gleichzeitig schießen und reinköpfen wollte. Er war ein toller Fußballer und ist ein ganz feiner Kerl.

Das erste Jahr als Trainer im Seniorenbereich – und fast sofort der Rheinlandliga-Aufstieg. Wolfgang Leidig (ganz rechts) und der Landesliga-Kader in der Saison 1999/2000.

Drei Jahre später ging noch einmal ein Aufstiegsspiel zur Rheinlandliga verloren.

Das war 2003 gegen den SV Morbach. Wir hatten den großen Bus bestellt, der Bus kam in die Stadionstrasse , Sascha Kill knickte beim Einsteigen um und holte sich einen Bänderriss. Der blutjunge Marc Schuster musste völllig unverhofft  ran und wir lagen nach 15 Minuten mit drei Toren hinten. Wir sind noch mal rangekommen, haben aber am Ende doch 4:2 verloren.

Was hast Du aus solchen unglücklichen Misserfolgen für Dich persönlich mitgenommen ?

Im Rückblick sollten immer die vielen positiven Momente im Vordergrund stehen. Aber auch solche Negativerlebnisse prägen einen als Mensch und damit auch als Trainer. Man darf auch im Erfolg nie vergessen, dass die eigene Rolle begrenzt ist und der Zufall im Fußball eine ganz große Rolle spielt. Glück und Pech liegen eng zusammen.

Wolfgang in seinem Element mit den Bambinis im Sommer 2007. Rechts neben ihm im blauen T-Shirt hört Felix Arndt interessiert zu.

Die vielen Niederlagen seit Anfang 2025 und der Abstieg dieses Jahr hatten ja nur begrenzt mit Pech zu tun. Wie hast Du diese Phase erlebt ?

Die letzten anderthalb Jahr haben bei mir schon an der Substanz genagt. Der Tank ist leer und ich fahre ein bisschen auf Reserve. Man leidet jedes Mal wieder mit der Mannschaft mit. Ich habe oft gegrübelt, was wir hätten anders machen sollen. Es ist ja nicht so, dass man nach einer Niederlage wieder pfeifend zurück in den Alltag wechselt. Deshalb bin ich froh, erst mal nicht mehr ganz so dicht dran zu sein.

Du wirst künftig Dein Amt als Co-Trainer aufgeben.

Den Zeitpunkt, an dem man geht, habe ich immer als wichtiger empfunden als den, wenn man kommt. Jetzt gehen andere in die Verantwortung, und damit sind natürlich auch neue Impulse und Ideen möglich.Wolfgang Leidig 2004 während seiner ersten, fünfjährigen Amtszeit als Trainer der ersten VfB-Mannschaft.

Wie blickst Du auf die kommende Saison ?

Ich würde mich einfach sehr freuen, wenn wir nach dem für beide Mannschaften schwierigen letzten Jahr so schnell wie möglich wieder auf der Erfolgswelle reiten könnten. Gerade bei der 1.Mannschaft ist es wichtig, die Lehren aus den letzten 18 Monaten zu ziehen, frischen Wind reinzubringen und alte Zöpfe abzuschneiden.

Die personellen Voraussetzungen scheinen gegeben, und viele Deiner ehemaligen Jugendspieler spielen ja auch künftig in den beiden Kadern eine zentrale Rolle.

Meine früheren Bambini-Jungs wie Felix Arndt, Steven Winzenburg, Julian Happ, Felix Beib oder mein Sohn Tim sind ja inzwischen um die 25, und sie müssen jetzt den nächsten Schritt machen und eine Führungsrolle übernehmen. Ihr Zusammenhalt seit 20 Jahren muss den gesamten Kader prägen.Der letzte Einsatz als aktiver Spieler im Mai 2014 bei der Partie gegen die Traditionself des 1.FC Köln aus Anlass des 100. VfB-Vereinsjubiläums. Links FC-Legende und Weltmeister Wolfgang Overath, in der Mitte Christian Schommers. Auch dieser Schnappschuss enstand bei der Jubiläums-Partie. Vorne Wolfgang Leidig und Tomasz Gawenda, dahinter von links Henry Acquah, Stefan Alfes, André Jacobs, Boris Wäschenbach, Bernd Wagner, Uwe Schmidt und Bernd Krauß.

Du sitzt zwar künftig erstmals seit vielen Jahren nicht mehr auf der Bank, bleibst dem VfB aber verbunden.

36 Jahre lässt man ja nicht einfach hinter sich. Ich werde zwar eher im Hintergrund bleiben, aber immer helfen, wenn der Verein es für sinnvoll hält. Es gibt verschiedene Optionen, die ich mir gut vorstellen kann, zum Beispiel bei der Spielbeobachtung oder beim Scouting.

Du hast beim schon viele Rollen eingenommen, aber Mitglied des Vorstandes warst Du noch nie. Wäre das auch eine neue Perspektive ?

Zu einer Mitarbeit im erweiterten Vorstand wäre ich bereit, ich würde da gerne meine Ideen und Erfahrungen einbringen. Erst kommt jetzt aber eine Auszeit und ich lade meinen Akku wieder auf.

Vielen Dank für das Gespräch, vielen Dank für 36 Jahre blau-weißen Einsatz und für alles, was noch kommt !Beim letzten Heimspiel der vergangenen Saison gegen Arzfeld verabschiedete das Rheinlandliga-Team seinen Co-Trainer. Vorne Kapitän Lukas Litschel, unser Sportlicher Leiter Philipp Klappert und Wolfgang Leidig.