Mit einem kämpferisch vorbildlichen und angesichts der Platzverhältnisse auch spielerisch überzeugenden Auftritt gelang es der Rheinlandliga- Mannschaft des VfB Wissen, dem aktuellen Tabellenführer SV Rot-Weiß Wittlich eine 2:1-Niederlage beizubringen. Die ambitionierten Gäste, die an den ersten 11 Spieltagen bereits 38 Tore geschossen und sich mit ihrem Offensivfußball früh an die Spitze gesetzt hatten, fuhren trotz optischer Überlegenheit verdientermaßen mit leeren Händen nach Hause. Positiv sei vermerkt, dass die Partie im Gegensatz zum letzten Aufeinandertreffen, das der SV nach zwei roten Karten mit nur neun Spielern beendete, bei allem Einsatz weitgehend fair verlief. Daran hatte auch die souveräne Leistung von Schiedsrichter Manuel Mück und seinem Gespann ihren Anteil.
Das VfB-Team glich mit dem Heimsieg nach den jüngsten zwei Pleiten seine Bilanz mit je fünf Siegen und Niederlagen bei zwei Unentschieden wieder aus und konnte angesichts der Niederlagen der gefährdeten Teams als Achter auch den Abstand zu den Abstiegsrängen vergrößern. Mit der am Samstag gezeigten Leidenschaft kann es die Mannschaft in dieser Liga mit jedem Kontrahenten aufnehmen – und auch die kommenden Wochen bieten ja sowohl in der Punkterunde als auch dem Rheinlandokal ausreichend Gelegenheit, favorisierten Gegnern ein Bein zu stellen.
Steven Winzenburg in ungewohnter Rolle im Sturmzentrum.
Trainer Dirk Spornhauer kehrte erst am Spieltag aus seinem Urlaub zurück. Gegen halb Eins landete sein Flugzeug, kurz vor Vier traf er im Dr.Grosse-Siegstadion ein. „Aber die Rückreise hat sich ja gelohnt“, lautete sein zufriedenes Fazit nach dem Spiel. Allerdings war sofort sein Improvisationstalent gefragt, denn mit Armando Grau, Luca Kirschbaum, Micha Fuchs und Tim Leidig fielen gleich vier Offensivkräfte aus. Der Trainer reagierte mit einer ungewöhnlichen Maßnahme: „Weil wir praktisch ohne nominellen Stürmer spielen mussten, hat sich Steven Winzenburg vorne rein gestellt.“
Felix Arndt am Ball.
In der Abwehr stand Tom Pirsljin wieder zur Verfügung. Auch Routinier Mario Weitershagen half aus und bewies, dass er nach wie vor zu den besten Rheinlandliga-Spielern gehört. Dabei hatte er am Freitagabend bereits über die volle Distanz beim 3:2-Auswärtssieg der zweiten Mannschaft als spielender Co-Trainer auf dem Platz gestanden. Es gelang ihm so in seinem 298. Pflichtspiel für die 1.Mannschaft das außergewöhnliche Kunststück, innerhalb von nur 20 Stunden gleich sechs Punkte zu holen. Ob er am Sonntag auch schon was vorhat, ist nicht bekannt.
Lukas Becher im Zweikampf mit Aiman Habouchi.
Die Wittlicher waren schon am Freitag angereist und übernachteten in einem Hotel in Morsbach. Auch vor dem Anpfiff demonstrierten die Akteure der Gäste ihren professionellen Anspruch, als sie sich zunächst weigerten, sich wie der VfB auf dem Trainingsplatz hinter der Tribüne statt auf dem lädierten Rasen im Stadion aufzuwärmen. Der hörbar frustrierte SV-Trainer Björn Griebler stellte denn auch schon zur Pause in Frage, ob sein Team den Aufwand für den Hotelaufenthalt verdient habe. Am Ende zeigte sich, dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit gelegentlich etwas Luft bleibt.
Der erste Versuch von Til Cordes landete noch neben dem Tor …
… doch beim zweiten Mal in der 6.Minute hieß es mit Unterstützung der Wittlicher Abwehr 1:0.
Und trotzdem: Die Wittlicher zeigten vor allem in den ersten 30 Minuten trotz des tiefen Bodens mit druckvollem Kombinationsspiel, dass ihre Tabellenführung kein Zufall ist. Sie verfügen, auch wegen ihrer 13 Neuzugänge, über eine spielstarke Mannschaft mit viel individueller Klasse. Allerdings führte das klare Plus an Ballbesitz nur zu relativ wenigen Chancen, weil die VfB-Abwehr gut dagegenhielt. Gleichzeitig beschränkte sich der VfB nicht nur aufs laufintensive Verteidigen und bemühte sich um schnelle Gegenstöße, bei denen die Wittlicher Abwehr über die gesamten 90 Minuten alles andere als sattelfest wirkte. So auch nach 6 Minuten, als Til Cordes über links nach vorne stürmte und den Ball aus spitzem Winkel scharf in die Mitte brachte. Gleich zweimal von Verteidigerbeinen abgefälscht landete der Schuss zum frühen 1:0 im kurzen Eck.
Freude über die frühe Führung.
Kurz darauf hatte Steven Winzenburg sogar die Chance zum 2:0, wurde aber im letzten Moment gestoppt. Stattdessen fiel nach einer hohen Freistoßflanke von rechts aus kurzer Distanz der 1:1-Ausgleich (13.) durch Alexander Klein, der nach einem Gestocher im Fünfmeterraum den Ball über die Linie drückte. Überhaupt sollten die scharf und mit viel Effet vors Tor geschlagenen Ecken und Freistöße die gefährlichste Waffe der Gäste an diesem Nachmittag bleiben. Bis zur Halbzeit blieb es beim Wittlicher Übergewicht, aber auch beim 1:1-Zwischenstand. Die VfB-Fans unter den 155 Zuschauern verabschiedeten ihr Team mit Applaus in die Kabine.
Diesen Schuss von Max Krauß (22.) konnte Gästekeeper Philip Berhard parieren.
Der zweite Spielabschnitt verlief ausgeglichener als der erste, wenngleich die Gäste auch weiterhin zeigten, dass sie mit einem Punkt nicht zufrieden waren. Einige Male gab es turbulente Szenen im Wissener Strafraum, ohne das VfB-Keeper Lukas Litschel hätte eingreifen müssen. Bezeichnender Weise entstand die beste Chance der Wittlicher zum 1:2 aus einem Freistoß, den Lukas mit einer starken Parade zur Ecke abwehren konnte. Ansonsten stand die VfB-Defensive sicher, hielt dem Druck stand und ließ mit tollem Einsatz kaum etwas zu. Mario Weitershagen gewann exakt 100,0% seiner Zweikämpfe und Kopfballduelle, und auch die anderen blau-weißen Akteure gaben sich keine Blöße.
Steven Winzenburgs vor seiner Chance zum 2:0.
In den letzten 20 Minuten sorgten dann die schnellen Wissener Konter für ein klares Chancenplus. Mehrfach lag bei den daraus entstehenden Gelegenheiten das 2:1 in der Luft. Die größte Chance bot sich Lukas Becher, der nach einem tollen Pass von Philipp Weber alleine auf den Torwart zulief, aber aus 10 Metern an ihm scheiterte. Das es dennoch mit dem vielumjubelten Siegtor klappte, war zwei eingewechselten Spielern zu verdanken. Justin Kirschbaum zog den Ball vom Strafraumeck flach vor das Tor, wo der einlaufende Aimen Aslan den Keeper irritierte, sodass der Schuss ohne weitere Berührung zum 2:1 (88.) im langen Eck einschlug.
Mirkan Kasikci verfolgt Wittlichs Daniel Littau.
Und dann kam nach 89 Minuten noch Wittlichs Ex-Kapitän Maximilian Düpré auf das Spielfeld, der mit einem brutalen Foul im April VfB-Angreifer Armando Grau das Schien- und Wadenbein brach. Bei Armando entschuldigt oder auch nur gemeldet hat sich der damals mit sechs Wochen Sperre belegte Rotsünder nie. Nach dem ersten unsäglichen Auftritt schaffte es Düpré auch diesmal, trotz der Kürze der verbleibenden Zeit einen denkbar negativen Eindruck zu hinterlassen. Nach einem Zweikampf mit Philipp Weber verstieg er sich auf dem Platz zu folgender, durch Ohrenzeugen belegte Aussage: „Wir haben noch fünf Minuten. Das reicht, um Dir auch die Beine zu brechen.“ Immerhin ließ er der verbalen Entgleisung diesmal keine Taten folgen. Das darf man als Fortschritt sehen. Vielleicht geht es dann beim Rückspiel im Frühjahr endlich nur noch um fairen Wettkampf und nicht mehr um erlittene oder angekündigte Verletzungen.
Felix Arndt contra Ömer Hakki Kahyaoglu.
In der sechsminütigen Nachspielzeit war dann der VfB gegen die aufgerückte SV-Abwehr gleich dreimal dem dritten Tor näher als der SV dem 2:2-Ausgleich. Aimen Aslan, der für den starken Til Cordes ins Spiel gekommen war, sorgte noch einmal für frischen Wind. Die Gäste versuchten es nun fast nur noch mit hohen Schlägen in den Strafraum, wo die Lufthoheit aber klar auf Wissener Seite lag, sodass Chancen ausblieben. Schließlich durfte gejubelt werden. Dirk Spornhauer hatte vor dem Spiel gesagt, das weder er noch sein Team Rachegelüste hegen würden. Eine besondere Genugtuung war der Sieg gegen diesen Gegner aber dennoch.
Tom Pirsljin (vorne) und Paul Christian schalteten sich auch ins Wissener Angriffsspiel ein.
Das Fazit des Trainers: „Man merkt schon, dass bei Wittlich gewisse Strukturen da sind und Geld dahinter ist. Sie haben eigentlich alles, was eine Spitzenmannschaft braucht: Große Typen hinten, flinke Stürmer vorne – mit der Truppe kannst du Meister werden. Umso stolzer sind wir, dass wir das Spiel verdient gewonnen haben. Gegenüber dem Auftritt in Bitburg war das eine 180-Grad-Wende. Wir haben jeden Zweikampf angenommen und kämpferisch einfach mehr geboten als der Gegner. Die gesamte Mannschaft hat als Kollektiv gut gearbeitet. Dieser Sieg tut richtig gut !“
Für Steven Winzenburg kam in der Schlußphase Siegtorschütze Justin Kirschbaum aufs Feld.
„Das abgefälschte Tor zum 1:0 war natürlich ein bißchen glücklich, aber dann haben wir durch einen eigentlich nicht mal gefährlichen Standard den Ausgleich kassiert, weil wir nicht konsequent geklärt haben. In der zweiten Halbzeit hatten wir dann die größeren Chancen. Lukas Becher hätte uns bei seiner 100%-Chance schon auf die Siegerstrasse bringen können, aber am Ende sind wir doch noch belohnt worden. Es ist eigentlich verrückt, dass wir Andernach und Wittlich schlagen und die vermeintlich leichteren Spiele gegen die Vereine von unten zuhause verlieren.“
Man kann sich vorstellen, warum gerade Armando Grau nach dem Spiel die Ansprache an seine Mannschaft hielt.
Die VfB-Aufstellung gegen Wittlich: Lukas Litschel, Mario Weitershagen, Max Krauß, Tom Pirsljin, Mirkan Kasikci, Paul Christian, Philipp Weber, Felix Arndt, Lukas Becher (90. Tom Zehler), Til Cordes (86. Aimen Aslan), Steven Winzenburg (83. Justin Kirschbaum). Schiedsrichter: Manuel Mück (Koblenz). Zuschauer: 155.
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