Vor 25 Jahren: Dramatisches Rennen um den Aufstieg in die Rheinlandliga

Vor genau 25 Jahren, in der Saison 1999 / 2000, gab es einen aus VfB-Sicht denkwürdigen, wenn auch nicht erfolgreich endenden Kampf um den Aufstieg in die Rheinlandliga. Damals existierte unterhalb der höchsten Spielklasse im Fußballverband Rheinland und oberhalb der Bezirksliga noch zwei Landesliga-Staffeln. Der VfB Wissen war 1998 erstmals nach 30 Jahren wieder aus der Rheinlandliga abgestiegen und hatte im ersten Anlauf als Tabellenfünfter die direkte Rückkehr knapp und erst im Saisonendspurt verpasst.

Trainiert wurde die 1.Mannschaft damals von Wolfgang Leidig (Foto oben), der seit 1990 zunächst als Aktiver und dann auch als Jugendtrainer zum VfB gehörte – und das sich bis heute, nach mittlerweile über 34 Jahren, nicht geändert. Er profitierte um die Jahrtausendwende mehr und mehr von den aus der Jugend nachrückenden Talenten, die einen wachsenden Anteil des Landesliga-Kaders stellten und auch der 2.Mannschaft unter Trainer Michael Ferfort zu zwei Aufstiegen in Folge verhalfen.

Mit diesem Team ging der VfB in die Landesliga-Saison 1999 / 2000: Hinten von links Vedat Koyuncu, Guido Schmidt, Mario Petzold, Michael Müller, Tobias Wagener, Sebastian Assenmacher, Dirk Trzensi und Sebastian Papenfuß. In der Mitte Torwarttrainer Andreas Gratz, Michele Parisi, René Obertopp, Kai Ebach, Patrick Wagener, Michael Ferfort, Oscar Caceres, Physiotherapeut René Wölke, 1.Vorsitzender Rolf Voigtländer und Wolfgang Leidig. Vorne sitzend von links: Viktor Köhn, Jan Engelhardt, Michael Herzog, Lothar Alof, Mirko Sauerbach, Maik Rumpel, Jörg Böhm und Stefan Höfer. Es fehlen Peter Winter, Daniel Heinz, Nicolai Huppertz und André Ebach.

Marco Fischbach (links, hier im Heimspiel gegen Steinefrenz) stieß in der Winterpause aus der A-Jugend der Spvgg Wirges zum VfB. 

Immerhin 17 der 26 im Saisonverlauf eingesetzten Spieler kamen aus der eigenen Jugend. Trainer Wolfgang Leidig beurteilte seine ausgesprochen junge Truppe so: “Die Stärke der Mannschaft liegt in ihrer Geschlossenheit. Die meisten kennen sich schon aus der Jugend und identifizieren sich mit dem Verein. Das Team passt auch menschlich gut zusammen und hat Fußballer, die anpacken können. Wenn die Talente den Sprung schaffen und unsere Goalgetter Viktor Köhn und Oscar Caceres wieder zuschlagen, können wir auch in der neuen Saison vorne mitspielen.” Wie recht er mit dieser Prognose hatte, zeigte dann der Verlauf der Runde:

Von Beginn an lag man an der Landesliga-Spitze, nach einem 1:0-Heimsieg gegen Neitersen feierte man die Herbstmeisterschaft, und durch den 4:1-Derbyerfolg gegen Malberg im März betrug der Vorsprung schon acht Punkte. Eine Woche später waren es dann sogar neun Zähler, und die Kontrahenten aus Engers und Neuwied lagen scheinbar uneinholbare 12 bzw. 18 Punkte zurück. Und trotzdem gingen beide Vereine am Ende punktgleich mit dem VfB durchs Ziel, sodaß der Meister und Rheinlandliga-Aufsteiger in einer Dreierrunde ausgespielt wurde. Wie konnte das passieren ?

Mario Petzold im Heimspiel gegen Bad Breisig. Der damals 22-Jährige bestritt bis 2007 insgesamt 207 Pflichtspiele im Trikot der 1.Mannschaft.

Der VfB, der zuvor 14 der ersten 20 Spiele gewonnen hatte, gewann danach nur noch ein einziges Mal und holte aus seinen letzten zehn Spielen ganze sieben Punkte. Verantwortlich war neben einer extremen Verletzungsserie sicher auch fehlendes Spielglück. Im Heimspiel gegen Abstiegskandidat Burgbrohl verschoss der VfB in der Nachspielzeit einen Foulelmeter, um im Gegenzug per Konter das entscheidende 1:2 zu kassieren. Auch Verfolger Neuwied kam im Dr.Grosse-Siegstadion in der Schlußminute zu seinem 0:1-Sieg.

Michael Herzog (hier im Heimspiel gegen Langenhahn) brachte es am Ende seiner VfB-Zeit auf 356 Pflichspiele in der 1.Mannschaft. 

Durch die vielen Ausfälle von Stammspielern ging jede Stabilität verloren. Daniel Heinz bestritt in der gesamten Rückrunde kein einziges Spiel, Goalgetter Oscar Caceres fehlte wie Dirk Trzenski sechs Wochen lang, René Oppertopp und Routinier Michael Müller vier. Und als dann in der entscheidenden Phase auch noch Michael Ferfort, Mario Petzold und Guido Schmidt zeitweise passen mussten, setzte es für die massiv dezimierte VfB-Truppe Niederlagen in Serie. 

VfB-Legende Michael Ferfort war 2000 auch im zarten Fußballalter von 38 Jahren absolut unverzichtbar. Bis 2004 blieb er aktiv und kam so auf fast 700 Pflichtspiele in der Ersten – die vielen Einsätze in der Jugend, der 2.Mannschaft und den Alten Herren nicht eingerechnet.

Und trotzdem boten sich dem VfB noch mehrere Matchbälle. Am vorletzten Spieltag hätte gegen den FV Rübenach angesichts des verbliebenen Vorsprungs von fünf Punkten ein Dreier zum vorzeitigen Titelgewinn gereicht, doch nachdem der wiedergenesene Michael Ferfort in der 89.Minute per Kopf nur die Lattenunterkante traf, blieb es beim 0:0. Am letzten Spieltag kam es dann zum Showdown beim Verfolger FV Engers. Drei Punkte lagen die Engerser noch zurück, ebenso der zweite Verfolger SV Neuwied. Ein Remis hätte also den Aufstieg gebracht, doch es gab durch späte Gegentore eine 0:3-Pleite. Auch Neuwied fuhr einen Sieg ein und zog wie Engers gleich.

So beendeten alle drei Teams punktgleich die 30 Spieltag. Da damals wie heute im FVR das Torverhältnis in Sachen Auf- und Abstieg nicht zählte, kam es zu einer Dreier-Aufstiegsrunde. Und die trieb dann die Dramatik endgültig auf die Spitze. Alle drei Spiele (VfB-Neuwied, Neuwied-Engers, Engers – VfB) endeten Unentschieden, sodass die nach den Spielen vorsorglich durchgeführten Elfmeterschießen entscheiden mussten, und da hatte Engers die Nase vorn.

Sebastian Assenmacher enteilt im Heimspiel gegen Burgbrohl dem Ex-VfBer Günter Zils.

Zur tragischen Figur aus Wissener Sicht wurde Torjäger Viktor Köhn, der in seinen beiden Wissener Jahren 35 Tore erzielt hatte. Beim Stand von 0:0 gab es in der 90.Minute des Spiels in Engers einen Handelfmeter, der dieser denkwürdigen Saison in letzter Sekunde eine positive Wendung hätte geben können. Viktor trat an – und scheiterte an FV-Keeper Wetzstein, der damit zum Aufstiegshelden der mittlerweile in der Oberliga etablierten Engerser wurde.

Im Sommer 2000 nach dem verpassten Aufstieg kam Bernd Krauß, der Vater unseres aktuellen Spielers Max, ins Dr.Grosse-Siegstadion. Er wie auch andere Neuzugänge (u.a. Sascha Kill oder Thomas Orthen) sorgten dafür, dass der VfB trotz der Abgänge seiner beiden Top-Stürmer Köhn und Caceres auch in den Folgejahren am Aufstieg in die Rheinlandliga schnupperte, ohne ihn bis 2019 zu erreichen.

(c) Fotos: Jürgen Vohl.